Ein-Mann-Demo bei Diskussionsrunde
Artikel von Spiegel online, 14.05.2010
Missbrauchsopfer provoziert Eklat auf Kirchentag

Es war ein kalkulierter Skandal: Eine Opfer-Initiative hat die zentrale Diskussion über Missbrauch auf dem Ökumenischen Kirchentag in München gestört. Lautstark forderte ein Betroffener den Abbruch der Veranstaltung – Gehör fand er nicht.
München – Kaum drei Begrüßungsworte hatte Jesuitenpater Klaus Mertes, der Rektor des Canisius-Kollegs, gesprochen und die rund 6000 Zuschauer in der vollbesetzten Messehalle C2 willkommen geheißen, da ging es los. Norbert Denef stürmte vor die Bühne, auf dem die Runde zum Thema “Nichts gesehen, nichts gehört, nichts gesagt?” den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche diskutieren wollte.
“Die da oben ignorieren die Betroffenen”, schrie Denef, 61, in Richtung Bühne, in den Händen hielt er ein Schwarzweißfoto aus den fünfziger Jahren. Darauf zu sehen Denef als Ministrant. Das Bild entstand zu der Zeit, in der er zunächst von einem Priester,später von einem weiteren Angestellten der Kirche missbraucht wurde. Über Jahre verging sich der Geistliche mehrmals in der Woche an dem Jungen. Denef schwieg jahrzehntelang – erst Anfang der neunziger Jahre fand er Worte für das Unrecht.
Nach zähen Verhandlungen zahlte das Bistum Magdeburg ihm Schmerzensgeld, Denef konnte den Missbrauch beweisen. Die beiden Kirchenmänner hatten gestanden, schriftlich. Die Auflage des Bistums: Denef solle nicht weiter über das Geschehene sprechen. Man zahlte ihm kein Schmerzensgeld, man zahlte ihm Schweigegeld. Gegen diese Schweigeklausel hat er zwei Jahre lang gekämpft. Am Ende wurde sie gestrichen.
“Ich will stören”
Seither ist der Kampf gegen das Schweigen der Kirche zu Denefs Mission geworden. Er hat das NetzwerkB, das Netzwerk Betroffener, gegründet. Er hat verstanden, dass nur die Öffentlichkeit den Druck erzeugt, der die Kirche zum Umlenken und Umdenken bringen kann. Von allein, da ist er überzeugt, handelt sie nicht.



